Die Überfliegerinnen

Bericht der Süddeutschen Zeitung vom 17.6.2019: Dank ihrer Nachwuchsarbeit sind die Ebersberger Handballerinnen so erfolgreich wie nie

Forst United · Montag, 17.06.2019

Ebersberg – Als der dritte Aufstieg in Folge immer näher rückte, standen die Auswechsel-Spielerinnen auf den Stühlen am Spielfeldrand und zählten die Sekunden runter. Auf dem Spielfeld ging der Ball noch einmal hin und her, dann die Schlusssirene. Wieder mal ein Kantersieg, 39:22 stand auf der Videowall. Schampus spritzte, die Mädchen tanzten im Kreis. Ein fulminantes Saisonfinale für die Damen des TSV Forst United – und für die Nachwuchsarbeit des Vereins im Mädchenbereich: Nicht nur das Vorzeigeteam, sondern alle vier Mädchen-Teams werden in der kommenden Saison in der Bayernliga antreten – das erfolgreichste Jahr der Handballabteilung des TSV Ebersberg.

Was vor allem deren weiblicher Sparte zu verdanken ist. Die hat sich in den vergangenen Jahren zur Vorzeigeabteilung in Bayern gemausert: mit sportlichen Erfolgen, aber auch eigenem Mannschaftsbus, Sportärzten, einer Videowall, Trainingslagern im Ausland, vergünstigtem Wohnen und Sponsoring durch den bekannten Handballausstatter Kempa, der eigentlich nur große Teams ausstattet. Mittlerweile müssen sogar skandinavische Frauenteams aus Eliteinternaten um ihren Sieg gegen die Ebersberger Handballerinnen zittern.

Dabei ist es gar nicht lange her, dass – wie zumeist – vor allem die Männer der Publikumsmagnet in der Dr.-Wintrich-Halle waren und die Frauen nebenher mitliefen. Die Wende kam 2014, als für die heutigen Vorzeige-Mädels, die damals noch die B-Jugend stellten, ein neues Trainergespann gesucht wurde. Es fanden sich zwei Trainer aus dem Männerbereich. Die Prämisse: „Wenn wir es machen, dann gescheit“, so schildert es Spartenleiter Felix Mäsel.

So begann der raketenhafte Aufstieg der Handballerinnen. Man setzte sich neue sportliche Ziele wie die Landesliga. Man warb intensiv um Sponsoren, gründete eine Spielgemeinschaft mit Anzing, investierte mehr in die Trainerausbildung. Man traf die richtigen Entscheidungen. Nachdem die Spielgemeinschaft mit Anzing zerbrochen war, behielt die Abteilung ihren ikonischen Namen „Forst United“, mit dem einige erste Erfolge assoziierten. „Der Name polarisiert, damit sind wir im Gespräch“, sagt Mäsel.

Polarisieren dürfte auch das Marketing, das die Sparte mit dem wachsenden Erfolg der Spielerinnen nach und nach aufgezogen hat. Halbzeitshows mit Tänzern und Zauberern, Feuerkegel beim Einlaufen, episch anmutende Werbevideos können recht amerikanisch anmuten – und gepaart mit dem Erfolg auch Neider anziehen. Manche lästern über einen „Red Bull Leipzig des Handballs“, also einen Verein, der alles nur mit Geld zu lösen vermag. „Dabei ist es nicht einfach, Sponsoren zu finden“, berichtet Mäsel – auch jetzt könne der Verein noch ein paar Sponsoren mehr vertragen.

Dazu kommt, dass die Erfolge natürlich nicht aus eingekauften Legionären, sondern aus kleinteiliger Jugendarbeit rühren, bei der ehrgeizige und eingeschweißte Nachwuchshandballerinnen auch von ehemaligen Bundesligisten gepusht werden. So auch die Damenmannschaft, in der viele Spielerinnen erst 19 oder 20 Jahre alt sind: Um sie auf Kurs zu halten, hat der ehemalige Bundesligist Klaus Bergmann den Ruhestand zum Unruhestand gemacht – und mit ihnen in zwei Jahren zwei Aufstiege in Folge gefeiert.

Was auch an dem Teamspirit unter den Mädels liegen dürfte. Viele von ihnen kennen sich seit jüngsten Teenagertagen, in ihrer Freizeit gehen sie Feiern, Bowlen oder Reiten. Die Fluktuation hält sich auch dadurch in Grenzen: „Viele versuchen gezielt, in der Region zu bleiben“, sagt Mäsel. Dieser Zusammenhalt und Leistungswille scheint sich rumgesprochen zu haben: Für den Start in der Bayernliga bewarben sich gleich 15 Trainer.

Viktoria Spinrad (Süddeutsche Zeitung)

Ähnliche Artikel

Image Description
05 September 2019

Innsbruck, wir kommen!

Die männliche Handball-Jugend startet ins diesjährige Trainingslager nach Österreich in die „Olympiaworld Innsbruck“